Downloads

Kontaktaufnahme: Buchbestellungen

Bitte richten Sie Buchbestellungen direkt per E-Mail an den Verein für Sozialgeschichte.

  • Startseite

Aktuelle Meldungen

Termine 2021

10.10. 19.00 Uhr Musikalische Lesung „Sag mir wo die Dichter sind“, Ort: Mainzer Kammerspiele, Rheinstraße 4, Mainz. Haus des Erinnerns – für Demokratie und Akzeptanz (HdE), Landeshauptstadt Mainz, Amt für Kultur und Bibliotheken, Verein für Sozialgeschichte Mainz e.V.
31.10. 19.00 Uhr Buchvorstellung und Lesung „Sommer 1934, oder wie der Führer mir meine erste Liebe ausspannte“, Autor: Andreas Berg, Ort: Mainzer Kammerspiele, Rheinstraße 4, 55116 Mainz. HdE, Verein für Sozialgeschichte Mainz e. V. und der Landeshauptstadt Mainz, Amt für Kultur und Bibliotheken
14.11. 18.00 Uhr Historischer Vortrag und Lesung „Post ins gelobte Land“ von Anna Seghers durch die Mainzer Staatsschauspielerin Gaby Reichardt, Ort: Mainzer Kammerspiele, Rheinstraße 4, 55116 Mainz. HdE, Verein für Sozialgeschichte Mainz e. V., der Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz e. V., Landeshauptstadt Mainz, Amt für Kultur und Bibliotheken

Appell an alle im Mainzer Stadtrat vertretenen demokratischen Parteien, sich für eine Umbenennung von Hindenburgstraße (-platz) in Sali-Levi-Straße (-platz) einzusetzen

Sehr geehrte Damen und Herren,

der 1983 gegründete Verein für Sozialgeschichte Mainz e. V. beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der lokalen Zeitgeschichte, schwerpunktmäßig mit dem Nationalsozialismus und der Geschichte der jüdischen Mainzer. Auf der Mitgliederversammlung 2019 wurde der Vorstand beauftragt, sich bei den zuständigen Gremien für eine Umbenennung von Hindenburgstraße und -platz einzusetzen.

Ausgangslage

Nach den uns vorliegenden Informationen hat sich der Stadtrat vor mehr als 12 Jahren erstmals mit dieser Frage befasst und eine Umbenennung abgelehnt. Nur etwa 2 ½ Jahre später wurde allerdings die Einrichtung einer Arbeitsgruppe „Historische Straßennamen“ beschlossen, deren Aufgabe es war, „historisch belastete“ Namensgebungen zu „überprüfen“ und Empfehlungen zu unterbreiten, wie damit umzugehen sei. Auch „Hindenburg“ wurde in die Überprüfung einbezogen, eine Umbenennung jedoch 2016 mehrheitlich abgelehnt. Zwischenzeitlich hat der Ortsbeirat Neustadt in seiner Sitzung vom 24. Juni 2020 für die Einleitung eines Umbenennungsverfahrens votiert. Da die Verwaltung nach wie vor an den Beschluss aus 2008 gebunden ist, muss der Stadtrat als Vertretung der gesamten Mainzer Bürgerschaft die Frage erneut debattieren. Dies erscheint auch deswegen geboten, weil gerade die historische Rolle Hindenburgs in den vergangenen Jahren zunehmend kritischer eingeschätzt wird, was in zahlreichen Städten zu zivilgesellschaftlichen Initiativen mit dem Ziel einer Straßen- bzw. Platzumbenennung geführt hat. In vielen – von Größe oder Bedeutung mit Mainz vergleichbaren – Städten waren diese Initiativen letztlich auch erfolgreich, zumindest sind die Weichen für eine Umbenennung gestellt (z. B. Münster, Freiburg, Darmstadt, Trier).

Historischer Befund

Die Gründe dafür, warum Paul von Hindenburg nicht mehr mit einer Straßen- bzw. Platzbenennung geehrt werden sollte, müssen an dieser Stelle nicht nochmals dargelegt werden. In dem Abschlussbericht der AG „Historische Straßennamen“ heißt es zutreffend, dass die von ihm (mit)verbreitete „Dolchstoßlegende“ der noch nicht gefestigten Weimarer Demokratie nachhaltig geschadet hat und ein „häufig genutztes Propagandainstrument nationalsozialistischer Kreise“ gewesen ist, dass er sich vom NS-Regime instrumentalisieren und vereinnahmen ließ und letztlich mit seiner Unterschrift unter dem „Ermächtigungsgesetz“ an der „Beseitigung der Republik“ mitgewirkt hat. Allerdings bot der seinerzeit angewendete Kriterienkatalog nach Meinung der Mehrheit der AG-Mitglieder „keine hinreichenden Gründe“ für eine Umbenennung. Der Stadtrat ist somit nicht gehindert, unter Berücksichtigung der vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und der jüngsten Entwicklungen heute anders zu entscheiden.

Die besondere Situation in Mainz

Uns geht es allerdings nicht nur darum, Hindenburg aus dem Mainzer Straßenbild zu verbannen, sondern die Gelegenheit zu nutzen, einen bedeutenden Mainzer Bürger zu ehren, den mit der Hindenburgstraße sein Wohn- und Wirkungsort verbindet. Vermutlich gäbe es schon längst eine nach ihm benannte Straße., wenn die Nazis ihn nicht aus seiner Stadt vertrieben hätten.: Die Rede ist von Sali Levi, geboren 1883, der im Juli 1918 (als Nachfolger von Sigmund Saalfeld) Rabbiner der „Israelitischen Religionsgemeinde Mainz“ wurde. Er gehörte 1919 zu den Mitbegründern der Mainzer Volkshochschule, und auf seine Initiative hin wurden im Oktober 1926 die „Sammlung jüdischer Altertümer“ in der Hauptsynagoge und der rund 180 Grabsteine umfassende jüdische Denkmalsfriedhof auf dem Gelände des „Judensand“ eingeweiht. Bei der Bewerbung der SchUM-Städte Mainz, Worms und Speyer für die Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes spielt dieses historische Monument eine ganz zentrale Rolle. Am 12. August 1929 war er in der Stadthalle Hauptredner anlässlich des Verfassungstags. Nach der `Machtergreifung´ blieb er zunächst in Mainz und gründete 1934 die im Gebäude der Hauptsynagoge ansässige Jüdische Bezirksschule. Die Inbrandsetzung und Verwüstung des Gebäudes in der Pogromnacht konnte er vom Balkon seiner Wohnung aus beobachten. Von den bedrückenden Lebensbedingungen zermürbt, entschloss er sich erst spät zur Emigration, nachdem er einen Ruf an die jüdische Gemeinde in Brooklyn/New York erhalten hatte. Seine Kinder hatten das Land bereits verlassen. Ende März 1941 reisten er und seine Frau Margarete nach Berlin, wo sie die Ausreisevisa erhalten sollten. Dort verstarb Sali Levi am 25. April 1941 an den Folgen eines Herzinfarkts.

Sein Sohn Hans hat Mainz in den 80er Jahren mehrfach besucht, er war bis zu seiner Flucht 1934 Schüler des damaligen Adam-Karrillon- (jetzt Rabanus-Maurus-) Gymnasiums. Mit einer in den USA lebenden Enkelin besteht Kontakt. Am 6. Juli 2020 wurden vor dem Haus Hindenburgstraße 47, in dem die Familie Levi wohnte, zwei Stolpersteine verlegt. Im Umfeld der Synagoge erinnert ansonsten nichts an den großen Mainzer Rabbiner, der sich um die Stadt und ihr jüdisches Erbe so große Verdienste erworben hat – stattdessen wird ausgerechnet Hindenburg gewürdigt!

Die Situation des Judentums in Deutschland 2021

Gerade in diesem Jahr wäre es ein deutlich sichtbares Zeichen, nicht nur irgendeine, sondern eben die Hindenburgstraße in Sali-Levi-Straße umzubenennen. Einerseits wird die Tatsache gewürdigt, dass es seit 1700 Jahren jüdisches Leben auf deutschem Boden gibt. Und zu diesem jüdischen Leben hat Sali Levi mit seinen Aktivitäten hier in Mainz einen ganz wesentlichen Beitrag geleistet. Andererseits gibt es politische Gruppierungen, die den Holocaust verharmlosen, und auch in Rheinland-Pfalz ist in den letzten Jahren eine erschreckende Zunahme antisemitisch motivierter Straftaten festzustellen.

Auch deswegen hoffen wir, dass die im Stadtrat vertretenen Fraktionen unseren Vorschlag in dem anstehenden Diskussionsprozess berücksichtigen und ernsthaft prüfen werden. Zu vertiefenden Gesprächen sind wir jederzeit bereit.

Mainz, im März 2021

Dr. Tillmann Krach                                                                        Hans Berkessel

für die AG Umbenennung Hindenburgstraße                                    Vorsitzender   

 

Beschluss des Ortsbeirats Mainz Neustadt vom Mittwoch, den 24. August

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Das Jahr 2021 ist ein Festjahr für das jüdische Leben. Denn Jüdinnen*Juden leben nun nachweislich seit über 1700 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands leben. Im Jahr 321 erließ der römische Kaiser Konstantin der Große ein Gesetz, dass besagte, dass Kölner Jüdinnen*Juden städtische Ämter in der Kurie bekleiden durften. So wird in diesem Festjahr auf 1700 Jahre Judentum in Deutschland und Rheinland-Pfalz zurückgeblickt. Zugleich aber auch mit einem Blick in die Zukunft, in die Vielfalt jüdischen Lebens verbunden.

Für diesen Rahmen erschien der Film „Verfolgt und umworben – Zweitausend Jahre jüdisches Erbe“ von Andreas Berg, auf den wir an dieser Stelle sehr gerne hinweisen. 

In Rheinland-Pfalz blickt man auf eine wechselvolle jüdische Vergangenheit zurück. Auf Epochen, die von kultureller Blüte und Akzeptanz jüdischen Lebens geprägt waren, folgten immer wieder Zeiten mit Verfolgung, mit Pogromen oder mit dem Untergang ganzer Gemeinden. Neben den großen SchUM-Städten Mainz, Worms und Speyer gab es auch in ländlichen Regionen wie im Hunsrück und in der Pfalz viele kleine jüdische Gemeinden und ein lebendiges Landjudentum. Der Film „Verfolgt und umworben – Zweitausend Jahre jüdisches Erbe“ beleuchtet die jüdische Geschichte im Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz von den frühesten Spuren bis in die Gegenwart und fragt auch nach den Perspektiven der heutigen Gemeinden.

Hier geht es zum Trailer des Films und hier gelangen Sie zum kompletten Filmbeitrag in der Sendereihe „Bekannt im Leben“ beim SWR.
Das Programm zum Festjahr 2021 können Sie hier einsehen.